Sullivan & Cromwell prüft Verträge mit juristischer Expertise
Gemeinsam mit OpenAI entwickelte Sullivan & Cromwell den Agreement Analyzer, ein KI-Tool, das Probleme in Vertragsentwürfen erkennt.
Wenn die Anwält:innen bei Sullivan & Cromwell einen Vertragsentwurf prüfen, gleichen sie dessen Bestimmungen mit relevanten Referenzverträgen ab. Dabei stützen sie sich auf die Erfahrung der Kanzlei und berücksichtigen die Prioritäten ihrer jeweiligen Mandant:innen. Der Agreement Analyzer der Kanzlei bündelt diese Grundlagen in einem einzigen Prüfprozess. Er erstellt Analysen und Änderungsvorschläge, die die Anwält:innen prüfen und verfeinern können.
„Ich denke, KI wird . . . es Anwält:innen ermöglichen, sich auf die Bereiche zu konzentrieren, in denen ihr Urteilsvermögen am wichtigsten ist . . . damit sie sich den Fragen widmen können, die für ihre Mandant:innen am entscheidendsten sind.“
Anfangs wurde KI vor allem für wiederkehrende Verwaltungsaufgaben genutzt, etwa um E-Mail-Antworten zu entwerfen oder Kalender zu prüfen. Savva stellt jedoch fest, dass die jüngsten Fortschritte bei den analytischen Fähigkeiten von KI-Modellen deren Einsatz verändert haben. „Wir sehen inzwischen deutlich mehr Einsatzmöglichkeiten bei anspruchsvollen juristischen Aufgaben, etwa bei der eingehenden Analyse komplexer Verträge“, sagt er.
Agreement Analyzer hilft Anwält:innen, entsprechende Bestimmungen verschiedener Referenzverträge zu vergleichen und deren Wechselwirkungen nachzuvollziehen.
John Savva, Partner bei Sullivan & Cromwell, entwickelte Agreement Analyzer mit Codex als Einzelnutzer-Proof-of-Concept. Anschließend arbeitete er mit OpenAI daran, die Qualität der Modellergebnisse zu verbessern, die Effizienz durch parallele Verarbeitung zu steigern und die Anwendung so weiterzuentwickeln, dass mehrere Anwält:innen sie gleichzeitig nutzen können.
Agreement Analyzer verbindet die Arbeitsabläufe, ausgewählten Referenzverträge und Verhandlungsleitfäden von Sullivan & Cromwell mit ChatGPT Enterprise. Nach dem Einlesen eines Vertragsentwurfs können Anwält:innen selbst ausgewählte Referenzverträge ergänzen. Hinzu kommen ein Leitfaden mit den Positionen der Kanzlei und der jeweiligen Mandant:innen sowie Informationen zur marktüblichen Praxis. Das Tool führt mehrere Prüfrunden aus unterschiedlichen Perspektiven durch, fasst die Ergebnisse zusammen und hilft, mögliche Probleme zu erkennen. Es liefert ein Memorandum sowie im Änderungsmodus markierte Vorschläge, die Anwält:innen prüfen, anpassen oder verwerfen können.
„Es geht nicht darum, Anwält:innen zu ersetzen. Es geht darum, ihnen ein Werkzeug an die Hand zu geben, mit dem sie tiefergehende Analysen durchführen und mehr maßgebliche Rechtsquellen und Präzedenzfälle finden können, um ihren Mandant:innen noch hochwertigere Arbeit zu liefern.“
Savva betont, dass vollständige Transparenz die Ergebnisse eines KI-Tools vertrauenswürdig macht. „Wenn ein KI-Tool eine Aussage über die marktübliche Praxis trifft, muss die Quelle dieser Information einsehbar sein“, sagt er.
Savva beschreibt eine Anwendung, in der Agenten Schlussfolgerungen erarbeiten, die andere Agenten anschließend gezielt kritisch hinterfragen. In einem möglichen Anwendungsfall prüfen spezialisierte Agenten den Vertrag parallel, etwa auf Abweichungen von der marktüblichen Praxis und die Risikoverteilung, auf Wechselwirkungen zwischen Klauseln sowie auf Unklarheiten, die sich auf Rechtsstreitigkeiten auswirken könnten. Die Ergebnisse unterscheiden zwischen Befunden, die der kritischen Prüfung durch andere Agenten standgehalten haben, verworfenen Befunden und unbestätigten Hinweisen, die mit Vorbehalten beibehalten werden. Anwält:innen können die Hinweise, die zugehörigen Begründungen und die relevanten Referenzverträge prüfen. Anschließend entscheiden sie, welche Befunde Änderungen in der abschließenden Überarbeitung rechtfertigen.
Sullivan & Cromwell erprobt weiterhin Tools, die auf spezifische juristische Aufgaben zugeschnitten sind. Für Savva bieten leistungsfähigere analytische Fähigkeiten die Chance, weitere Schritte bei der Recherche und beim Verfassen von Texten zu unterstützen.
Savva verweist auf die Fortschritte bei den Reasoning-Fähigkeiten von GPT‑6 Astra: „Astra hat die Qualität des verfügbaren Reasonings wirklich vorangebracht. Genau dort lag bisher der Engpass“, sagt er.


